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Frauen in Chefetagen …
Lange glaubte man, Frauen in Chefetagen würden Unternehmen kuscheliger und sozialer machen. Doch das stimmt nicht. Wenn genügend von ihnen aufsteigen, sind sie genauso hart wie Männer.

 

Als Chefs und Entscheider sind Frauen noch immer unterrepräsentiert. Doch eine neue Studie zeigt: Mehr weibliche Führungspositionen verändern das Betriebsklima anders als bisher gedacht.

 

In Davos waren 2000 Männer und 450 Frauen

Frauen in den Top-Jobs internationaler Konzerne sind immer noch die Ausnahme von der Regel, trotz aller Rhetorik, trotz allen Zuspruchs, trotz aller Quotendiskussionen. In Deutschland, aber eigentlich überall auf der Welt. Das Weltwirtschaftsforum in Davos müht sich seit Jahren, den Frauenanteil zu erhöhen. In der zurückliegenden Woche waren unter den Wirtschaftsführern, die zum Netzwerken, Geschäftemachen und Feiern in die Schweizer Hochalpen kamen, gut 2000 Männer. Und nur rund 450 Frauen. Der Frauenanteil von 18 Prozent ist schon ein Rekord. Was also machen jene Frauen anders, die alle Widrigkeiten überwinden und es bis an die Spitze schaffen? Eine neue, unveröffentlichte Studie, die der „Welt am Sonntag“ vorliegt, und Gespräche mit Managerinnen legen überraschende Antworten nahe. Gerade in Deutschland wird seit Jahren gern betont, dass Chefinnen Unternehmen nützen, nicht obwohl, sondern weil sie anders sind.

Tatsächlich aber ist es wohl eher so: Um in der männerdominierten Welt der Vorstandsetagen zu bestehen, zahlt es sich für Frauen aus, Männer auf ihrem eigenen Terrain zu schlagen – vorausgesetzt, sie haben genügend Mitstreiterinnen. Risikobereit zu sein, aggressiv, ergebnisorientiert, selbstbewusst und hart, auch wenn Tränen fließen. Macht macht männlich. Oder anders gesagt: Nur wer bereit ist, nach den männlichen Regeln zu spielen, wird richtig erfolgreich. Für Frauen muss das kein Nachteil sein, im Gegenteil.

 

Die Chefs werden härter, egal, ob sie männlich oder weiblich sind

Eine Untersuchung, die der „Welt am Sonntag“ exklusiv vorliegt, deutet in eine ähnliche Richtung. Mehr Frauen in Führung verändern demnach die Kultur, das schon. Allerdings auf ungeahnte Weise: Die Chefs werden härter – Männer wie Frauen. In gemischten Führungsteams nimmt das Bemühen um gute soziale Beziehungen signifikant ab.

 

Weiblich

Das ist ein Ergebnis der Auswertung von Tiefeninterviews mit mehr als 4300 Entscheidern der internationalen Personalberatung Russell Reynolds Associates. Anhand von 48 Kriterien, etwa abstraktes Denken, menschliche Wärme oder Angstgefühl, haben die Berater sogenannte psychometrische Profile von Topmanagerinnen und Topmanagern aus 25 Ländern erstellt. Die haben sie dann nach Ländern mit geringem, mittlerem und hohem Anteil weiblicher Führungskräfte sortiert.

männlich

 

Was sich dabei zeigt: Steigt der Frauenanteil in Führungsgremien auf mehr als 22 Prozent, bricht das klassische Geschlechter-Stereotyp auf. Dann kümmern sich Frauen stärker um ihre eigene Karriere und nähern sich in Sachen Durchsetzungskraft und Härte ihren männlichen Kollegen an. Beziehungspflege und Fürsorge für andere dagegen nehmen ab. Und das sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen.

 

Der „General Manager“ ist am besten gerüstet für die Zukunft

So werden beide Seiten fokussierter, kämpferischer und letztlich erfolgreicher, sagt Studienautor Joachim Bohner, ein Assessment-Experte von Russell Reynolds: „Frauen und Männer an der Spitze nähern sich dem Idealtypus des ‚General Managers‘ an.“ Dieser Typus sei am besten gerüstet für eine Zeit, in der sich Märkte und Anforderungen an Unternehmen mit so rasanter Geschwindigkeit verändern wie nie zuvor.

Der General Manager, so Bohner, „hat eine hohe Leistungsorientierung, gepaart mit der Kraft und der Fähigkeit, Menschen emotional mitzunehmen, scheut aber auch nicht vor härteren Entscheidungen zurück, wenn diese in Transformationsprozessen nötig sind.“

Für die Managerinnen in aller Welt ist die Überwindung der klassischen Geschlechterrollen „ein Befreiungsschlag“, davon ist Bohner überzeugt. „Sie können ihren Exotenstatus abschütteln und einfach nur Führungskräfte sein“, sagt der promovierte Psychologe. Frauen werde nicht mehr aufgebürdet, mit ihrer vermeintlich höheren emotionalen Intelligenz nebenher auch noch die zwischenmenschlichen Probleme in Teams zu lösen. „Dadurch haben sie endlich gleiche Chancen, in ihrem eigentlichen Job erfolgreich zu sein, wie männliche Manager.“

Das alles klingt sehr anders als das, was bisher in der Debatte um mehr „Diversity“ herrschende Meinung war. Angeblich sollte mit dem Einzug weiblicher Chefs auch die Führung „weiblicher“ werden, sozialer, verantwortungsvoller. Und haben es erst genügend Damen nach oben geschafft, so eine verbreitete Hoffnung, verbessert sich nicht nur das Betriebsklima. Die ganze Weltwirtschaft wird stabilisiert.

 

Firmen brauchen eine kritische Masse an Führungsfrauen

In Deutschland hat vor allem die Studie „Women matter“ von McKinsey aus dem Jahr 2007 großen Einfluss auf die Debatte. Die Unternehmensberatung hatte festgestellt, dass es insbesondere auf die Masse ankommt. Sobald in Führungsgremien mindestens drei von zehn Mitgliedern Frauen sind, verbessere sich die Performance von Unternehmen messbar – bei nur einer oder zwei Frauen dagegen gebe es „keinen signifikanten Unterschied“. In der Folgezeit wurden Jahr für Jahr mehr Frauen in die Vorstände der 30 Dax-Konzerne berufen – darunter auch Claudia Nemat, jene McKinsey-Direktorin, die die Studie betreut hatte. Nemat wechselte 2011 als Technikvorstand zur Telekom.

Allerdings sind die Experten von Russell Reynolds nicht die Ersten, die zu deutlich anderen Ergebnissen kommen als McKinsey. Eine Studie von Forschern der Universität Mainz und des amerikanischen College of Charleston zeigte bereits 2010, dass Frauen und Männer im Großen und Ganzen ähnlich führen – weil Führen ohne Durchsetzungsstärke, Risikobereitschaft und Entschiedenheit schlicht nicht geht.

Russell Reynolds geht in der neuen Untersuchung jedoch mehr ins Detail. Die Beratungsfirma stellte zum Beispiel fest, dass Männer in Führungspositionen nicht generell risikofreudiger als Frauen sind. Eigenschaften wie niedriges Regelbewusstsein, schnelle Entscheidungsfähigkeit, Offenheit für Veränderungen, der Wunsch nach Abwechslung, Optimismus und niedriges Angstgefühl sind unter den getesteten Frauen und Männern nicht signifikant unterschiedlich verteilt

Quelle: Die Welt – Den kompletten Bericht findet ihr unter: http://www.welt.de/wirtschaft/karriere/article151419730/Was-die-Macht-mit-Frauen-macht.html – Von Olaf Gersemann, Tina Kaiser, Inga Michler

 

 

 

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